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Africa Rising: Interview mit Prinz Dr. Asfa-Wossen Asserate

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In der ersten Ausgabe der neuen OEB-Interviewreihe “Africa Rising” erklärt Bestsellerautor und OEB-Projektmentor Prinz Dr. Asfa-Wossen Asserate seine Sicht auf Afrika. Was sind die drängendsten Probleme, wo liegen die großen Chancen und welche Rolle kann die EU spielen?

 

– Könnte das 21. Jahrhundert das Jahrhundert des afrikanischen Aufstieges werden?

Unter gewissen Umständen: ja. Afrika hat enormes Potential; es verfügt über 40% der weltweiten Rohstoffe, Agrargüter, Wasservorräte und Energiereserven. Es ist auch reich an jungen Arbeitskräften. Dieser Kontinent muss jedoch politisch zur Ruhe kommen. Kriege, Krisen, Korruption und Kapitalflucht dürfen nicht weiterhin die Merkmale Afrikas werden.

– Noch immer gelten viele afrikanische Länder als ökonomisch und politisch instabil. In welchen Bereichen sehen Sie die drängendsten Probleme?

Das drängendste Problem ist die Schaffung eines Rechtsstaates in den meisten Ländern der Afrikanischen Union. Das Fehlen von guter Regierungsführung ist auch der Hauptgrund für die Massenflucht junger Afrikaner, die keine Möglichkeit sehen, in ihren eigenen Ländern ein menschenwürdiges Dasein zu führen. Hinzu kommt der schreckliche Tribalismus, der inzwischen überall wieder sein hässliches Gesicht zeigt und schon im 19. Jahrhundert das wichtigste Instrument der Europäer war, um die Afrikaner auseinander zu dividieren und ihre kolonialen Ziele zu erreichen. Wenn es uns nicht gelingt, ethnozentrische Doktrine durch föderalistisch-demokratische Institutionen zu ersetzen, indem die diversen Ethnien nach dem Motto: „Einheit in Verschiedenheit und Verschiedenheit in Einheit“ innerhalb der jetzt bestehenden Grenzen in friedlicher Koexistenz zusammenleben können, wird Afrika weiterhin der Krisenherd Nr. 1 in der ganzen Welt bleiben.

– Wie groß ist die Bedeutung der EU für die afrikanischen Länder? 

Afrika ist seit 1958 durch den Vertrag von Rom in einem System der Gegenseitigkeit von Rechten und Pflichten mit der EU assoziiert, das durch das Abkommen von Lomé im Jahre 1975 besiegelt wurde. Bei den Handelsstrukturen gibt es dennoch gewaltige Defizite. Vor allem bei Textilien und landwirtschaftlichen Produkten werden die Afrikaner von den Märkten der EU durch Handelsbarrieren weitgehend ausgeschlossen. Experten haben ausgerechnet, daß Afrika durch die Agrarprotektion der Europäer rund 20 Milliarden Dollar an Exporteinnahmen verliert – fast das Doppelte der Entwicklungshilfe, die jedes Jahr nach Afrika fließt. Umgekehrt kann ein Bauer in Afrika kaum mit den Preisen für die subventionierten Lebensmittel aus Europa konkurrieren. Die Folge: weitgehende Subsistenzwirtschaft auf dem Land. Die Bauern sorgen nur für den eigenen Bedarf, weil sich einheimische Produkte kaum verkaufen lassen. Hier ist dringend eine Abhilfe erforderlich.

– Braucht es einen afrikanischen Binnenmarkt nach dem Vorbild der EU?

Das erste, was Afrika von der EU lernen kann, ist, daß nur durch den Erwerb von rechtsstaatlichen Institutionen Wohlstand für alle sichergestellt werden kann. Natürlich müssen wir auch die Regionalorganisationen in Afrika stärken. Derzeit existieren in Subsahara-Afrika 16 Regionalorganisationen. Sieben davon werden von der Afrikanischen Union als regionale Wirtschaftsorganisationen anerkannt. Das Integrationsniveau der einzelnen Regionalorganisationen unterscheidet sich jedoch erheblich voneinander, wobei die von der AU anerkannten, die besten Perspektiven haben.
Während gemeinhin nach dem Vorbild Europas die wirtschaftliche Integration als Basis der weiteren Integration angesehen wird, folgt die regionale Integration in Afrika offenbar auch sicherheitspolitischen Impulsen (siehe auch GIGA-Focus Nr. 3; 2012).

– Die afrikanische Wirtschaft ist noch immer kaum industrialisiert. Kann durch mehr Freihandel ein afrikanisches Wirtschaftswunder geschaffen werden?

Zwischen Dakar und Daressalam, zwischen Kairo und Kapstadt geht es langsam aufwärts, weil seit nunmehr zehn Jahren die freie Marktwirtschaft in vielen Regionen Afrikas auf dem Vormarsch ist. Die Volkswirtschaften des Kontinents haben sich seit der globalen Wirtschaftskrise deutlich besser entwickelt, als die der Länder Europas. Für das laufende Jahr rechnet man mit einem Wirtschaftswachstum von 5 – 6 Prozent für den gesamten Kontinent. Das Bruttoinlandsprodukt des Kontinents ist mit 1,6 Billionen US-Dollar höher als das Russlands oder Brasiliens. Immer mehr afrikanische Regierungen verfolgen zunehmend eine Politik, die die Märkte stärkt. Es mag zwar sein, daß es in den meisten afrikanischen Ländern weiterhin an guter Regierungsführung, Transparenz und Rechtssicherheit fehlt, dennoch gilt Afrika heute nicht mehr als ein „hoffnungsloser Erdteil“, wie es vor zehn Jahren noch der Economist schrieb. Die EU ist nun gefordert, den afrikanischen Partnern die Wichtigkeit eines freien Handels für eine moderne Wirtschaft immer wieder vor Augen zu führen.

– Noch immer leben Millionen Menschen in Afrika von weniger als einem US-Dollar pro Tag und suchen in Europa ein besseres Leben. Eine Chance für beide Seiten oder überwiegen die Herausforderungen?

Derzeit, so das UN-Flüchtlingswerk, leben weltweit 59,5 Millionen Menschen außerhalb ihres Heimatlandes. 35 Millionen davon kommen aus Afrika. Die Frage, wie man damit umgeht, ist für mich die größte Herausforderung Europas im 21. Jahrhundert. Wir dürfen nicht vergessen, daß die größten Exporteure von Migranten auf dieser Welt afrikanische Diktatoren und Gewaltherrscher sind, die ihrem eigenen Volk keine Hoffnung lassen auf ein menschenwürdiges Dasein in ihren eigenen Ländern. Das Verheerende dabei ist, daß ein Großteil dieser Regime auch noch von europäischen Steuergeldern alimentiert wird.

Europa muss seine Afrika-Politik der vergangenen 40 Jahre grundsätzlich überdenken. Konkret: Die sogenannte Realpolitik muss endlich ein Ende finden. Heute geben vor allem Wirtschaftsinteressen den Weg der Politik vor. Das ist bis zu einem gewissen Grad legitim. Aber Wirtschaftsinteressen dürfen nicht die alleinige Maxime der heutigen Politik sein, vor allem nicht, wenn dies ein Anbiedern an skrupellose Diktatoren bedeutet, die auf begehrten Ressourcen und Bodenschätzen sitzen. Europa darf bei seiner Afrika-Politik wegen kurzfristiger wirtschaftlicher Vorteile die eigenen Wertmaßstäbe nicht mehr verkaufen und verraten. Wie wir wissen, sind 85 Prozent der 1,2 Milliarden Afrikaner jünger als 25 Jahre. Europa sollte sich diese jungen Menschen nicht zu Feinden machen. Diese junge Generation wird es Europa nicht verzeihen, wenn es weiter Menschenschinder auf dem afrikanischen Kontinent unterstützt, die der Hauptgrund für ihre Massenflucht sind.

Voraussetzung für einen Paradigmenwechsel ist meiner Meinung nach die Schaffung einer gemeinsamen europäischen Afrika-Politik. Ich weiß, wie schwierig es ist, die 28 Länder der Europäischen Union auf eine gemeinsame Politik einzuschwören, aber ich halte das für unabdingbar. Ich bin fest überzeugt davon, daß eine europäische Afrika-Politik, die europäische Grundwerte außer Acht lässt, zum Scheitern verurteilt ist. Europas Ziel muss es sein, den Millionen ambitionierter junger Menschen in Afrika, die fähig und bereit wären, am Aufbau Afrikas mitzuwirken, eine menschenwürdige Zukunft auf dem eigenen Kontinent zu ermöglichen. Sonst werden sie weiterhin mit den Füßen abstimmen!

 

Weiterführende Informationen zum EU-Afrika-Projekt von Open Europe Berlin finden Sie hier.