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Draghis “perverse Angst” vor Deflation. Von Christian Dominik Heinz

Heinz

Seit der Sitzung der Europäischen Zentralbank Anfang Dezember ist die Börsenwelt irritiert über deren Vorgehen. Die Ergebnisse des Zinsentscheids enttäuschten die Marktteilnehmer deutlich. Der Eurokurs schoss sofort um vier Prozent in die Höhe. Binnen weniger Tage verlor der DAX durch dieses “EZB-Beben” bis zu 9,54 Prozent an Wert. Der Präsident der EZB Mario Draghi hatte zu hohe Erwartungen geschürt. Die Angst vor der Deflation ist so hoch und die damit verbundene Gewöhnung an immer neue geldpolitische Stimuli so stark, dass fast jede erweiternde Maßnahme der Notenbank unangemessen erscheint. Verweise auf die schwere Baisse in Japan der 90er Jahre sind mit einseitigen Erklärungen der Deflation und Deflationsspirale medial virulent. Eine Deflationsangst in der Eurozone ist aber unberechtigt.

Zur Deflationsbekämpfung hatte Draghi zuvor eine Ausweitung des Anleihekaufprogramms der EZB in Aussicht gestellt. Im Oktober blieb die Inflation der Verbraucherpreise nahezu unverändert bei 0,1 Prozent, während sie im Mai noch bei 0,3 Prozent lag. Daraufhin hatte Draghi eine Anpassung in Bezug auf “Größe, Zusammensetzung und Dauer” des Programms kommuniziert, so als sei alles nur eine Frage der Dosis. Das Wachstum in der Eurozone ist im Vergleich zum Wachstum in den USA noch immer bescheiden, und die Abwärtsrisiken für die europäische Wirtschaft nehmen zu. Die Wirtschaftsleistung bleibt hinter den Erwartungen zurück. Neueste Vorabschätzungen zur Inflation im November hatten zudem mehr Spielraum für die Notenbank angezeigt.

Das EZB-Beben

Doch nachdem von Draghi vorab viel kommuniziert wurde, hatte die EZB nur eine Senkung der Einlagezinsen, eine Verlängerung der Anleihekäufe und keine Ausweitung des monatlichen Volumens beschlossen. Die EZB ist somit aus der Sicht der Marktteilnehmer unberechenbar geworden, obwohl sie konkrete Erwartungen geschürt hatte. Das ist eine zu hohe Diskrepanz. Ein normaler Wertpapierhandel war am Tag des Zinsentscheids eine Zeit lang nicht mehr möglich, weil Handelssysteme abgestürzt sind. Die EZB stellt inzwischen eine Bedrohung für das Finanzsystem dar.

Die Irritation liegt an der Diskontierung der Maßnahme, weil sich die Probleme aktuell  verschärften und die Verlängerung des Kaufprogramms erst zeitverzögert wirken kann. Auch wenn sich gewisse Fundamentaldaten beim Transmissionsmechanismus durch die Zinssenkung bei  Unternehmenskrediten in der Eurozone zwischenzeitlich verbessert hatten, lag der Fokus gemäß den Maßstäben Draghis auf der Inflation und der Konjunkturabkühlung in den Schwellenländern. Die Enttäuschung des Marktes beruht also nur scheinbar auf Fehleinschätzungen oder einem Unfall in der Kommunikationsstrategie des Präsidenten. Draghi hat sein Commitment gegenüber den Märkten nicht einhalten können.

Deflationsbekämpfung oder verdeckte Staatsfinanzierung?

Alarmierend ist der Hintergrund dieser Vorgänge. Wohl absichtlich ist Draghi den Einschätzungen des EZB-Rates verbal vorausgeeilt, um ihn unter Druck zu setzen. Der Präsident hat sich anscheinend von den tatsächlichen Entscheidungen des Rates abgekoppelt. Während der Eurokrise wurde die Notenbank als einzige funktionierende europäische föderale Institution zum profilierten Krisenmanager. Doch hinter dieser Kulisse kommt deren Schattenseite vermehrt zum Vorschein. Für die Rettung der Eurozone war nämlich viel mehr Einsatz nötig als bisher bekannt. Kürzlich ist bekannt geworden, dass die nationalen Notenbanken des Eurosystems Anleihen im Umfang von 565 Milliarden Anleihen über ein sog. Anfa-Abkommen schon geheim gekauft hatten. Die Rolle Draghis dabei ist bisher unklar.

Wieder steht der Verdacht der illegalen Staatsfinanzierung im Raum. Die EZB ist nicht die geeignete Institution zur Beihilfe bei politischen Problemen. Trotzdem ist sie „lender of last resort“ für ganze Staaten und deren Banken geworden. Damit diese heikle Rolle nicht überstrapaziert und ausgenutzt wird, will Draghi die Märkte hinter sich stellen. Daher werden für eine Notenbank immer öfter ungewöhnlich marktaffine Garantien ausgesprochen. Sein “whatever-it-takes” ist sicherlich die berühmteste Formulierung dazu. Damit konnte die Intonierung der Geldpolitik zur Rettung der Eurozone in ihrer bisherigen politischen Zusammensetzung gegen alle Widerstände gewährleistet werden, obwohl der Euro an sich zu keinem Zeitpunkt gefährdet war.

Deflation – gut oder schlecht?

Jetzt ist die verbale Kosmetik ausgereizt. Die Markterwartungen sind überzogen. Die Anbindung der Geldpolitik an eine hohe Inflationserwartung von zwei Prozent hat die Märkte konditioniert und die Vermögenspreise befeuert. Dagegen wird eine sehr niedrige Inflation als Bedrohung der Geldwertstabilität postuliert. In der Tradition der Bundesbank waren zwei Prozent noch die maximale Obergrenze. Ziel der EZB durch das Anleihekaufprogramm ist indes das Niveau von zwei Prozent. Das Deflationsgespenst ist von der Geldpolitik selbst generiert.

Aber es besteht keine Deflation und vor allem keine Deflationsgefahr. Die Kerninflationsrate verweilte dieses Jahr sehr stetig bei ca. einem Prozent. Eine niedrige Inflationsrate bedeutet Preisstabilität. Preissenkungen fördern den Konsum und das Wirtschaftswachstum. Deflationsphasen sind historisch nichts Besonderes. Sogar die Finanzmärkte tendieren laut einer Studie der Credit Suisse in milden Deflationsphasen positiv, während sie in Zeiten extremer Inflation stark einbüßen.

Ferner liegt der Fall Japan anders. Japan hatte keine Währungskrise. Gründe für die Deflation ab 1993 waren Effizienzsteigerungen durch neue Technologien, hohe private Spartätigkeit, geringe private Investitionsneigung und eine konservative Gesellschaftsstruktur mit wenigen berufstätigen Frauen. In der Eurozone sind deflationäre Kräfte neben fallenden Rohstoffpreisen eine Folge der internen Abwertung überschuldeter Mitgliedstaaten. Damit stellen sie ihre Wettbewerbsfähigkeit wieder her. Es ist also ein positives Zeichen. Soll die eingeschlagene Austeritätspolitik wirken, so wird das zwangsläufig die Inflation drücken.

Draghis geschürte Deflationsangst ist bloß ein Mittel, das Geld weiterhin zu politisieren, also eine Möglichkeit zur „Lirafizierung“ des Euros. Die Eurokrise flammt wieder auf, wenn die Märkte nicht befriedigt werden. Sie sind auf Erfüllung der Versprechungen getrimmt. Von den Südländern geht schon ein Linksruck aus. Der italienische Ministerpräsident Matteo Renzi äußerte sich offen gegen die Unabhängigkeit der Notenbank. Er will die Staatsausgaben leichter erhöhen können. Am Ende einer solchen Entwicklung würde eine andere Gesellschaftsordnung stehen. Die EZB würde eine politische Zentralinstanz eines verstaatlichten Kreditwesens werden. Von einer freien Wirtschaft kann dann keine Rede mehr sein.

Christian Dominik Heinz ist selbstständiger Daytrader und Blogger. Unter anderem ist er als “HeinzInvest” ein Trader beim Finanzdienstleister Wikifolio und im Blog Wallstreet:online vertreten.

29

Dez 2015

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One Response to “Draghis “perverse Angst” vor Deflation. Von Christian Dominik Heinz”

  1. EZB-Politik gescheitert? Von Christian Dominik Heinz | Open Europe Berlin

    […] um ein geschwächtes Instrumentarium. Der aktuelle Marktdruck auf die EZB, der auch durch einen unglücklichen Zinsentscheid im Dezember ausgelöst wurde, könnte verheerende Folgen […]

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